Die Stadt der Libellenlarven

Es war einmal eine Stadt. Die war ganz anders als die StĂ€dte, die wir kennen. Aber die Leute, die dort lebten, dachten, ihre Stadt sei die schönste in der ganzen Welt. – Sie lag unter Wasser.
Es gab viele Leute dort und viele HĂ€user. Wir wĂŒrden diese HĂ€user nicht ein bisschen mögen, denn sie waren aus glitschigem Schlamm, aber die Leute dort liebten sie sehr, denn sie waren keine Menschen, sondern Schlammlarven. Die fanden die kĂŒhlen nassen SchlammhĂ€user gerade richtig.
Viele Schlammlarvenfamilien lebten in dieser Stadt, und eine davon war sehr stolz und glĂŒcklich, denn sie hatten einen Sohn bekommen. Der war sehr dick und rund und viel blanker als alle Larvenbabies in der Nachbarschaft. Er bekam den Namen Hans.
Bald war er neugieriger und klĂŒger als alle anderen Schlammlarven. Er stellte Hunderte von Fragen, die ihm niemand beantworten konnte. Als er merkte, dass sogar der alte Großvater Larve manchmal keine Antwort wusste, wunderte er sich und suchte nach Stadt- und Flussbewohnern, die mehr wussten, um zu erfahren, was er wissen wollte.
Sein bester Freund war ein alter Herr, genannt Herr GrĂŒnfrosch. Der hatte weit hervorstehende Augen, die ließen ihn Ă€ußerst weise erscheinen. Und er hatte viel erfahren, denn er konnte etwas,  was keine Schlammlarve konnte: Den dicken Kopf aus dem Wasser herausstrecken. So konnte er mehr sehen als alle Larven. Manche Larven hielten ihn darum fĂŒr einen Aufschneider, aber Hans Larve junior hatte gute Erfahrungen mit ihm gemacht. Dieser alte Herr konnte Hans Larve junior oft helfen, und deshalb vertraute er ihm auch da, wo Herr GrĂŒnfrosch Dinge erzĂ€hlte, die Hans noch nie gesehen hatte.
Eines Tages herrschte große Aufregung in der Schlammlarvenstadt, denn die alte Großmutter Larve war schon frĂŒh am Morgen aufgestanden und war, ohne jemandem Audwiedersehen zu sagen, nicht einmal Großvater, an dem dicken Stengel eines Wasserfarns hochgeklettert. Es war eine harte Arbeit fĂŒr die alte Dame, sich allein vorwĂ€rts zu kĂ€mpfen, denn sie war dick und hatte ienen so runden Bauch, aber sie gab nicht auf. Ihre ganze Familie und all ihre Freunde baten sie, herunterzukommen. Aber sie antwortete nicht einmal, denn sie brauchte ihren ganzen Atem, um weiterzuklettern. Keuchend und schnaubend, schnaubend und keuchend stieg sie höher und höher, bis sie endlich ĂŒber dem Wasser verschwand. Dahin konnte ihr keiner folgen, denn Schlammlarven sind Wasserbewohner, und die Großmutter schien ihnen verloren, als sie das Wasser fĂŒr immer verließ.
Die Larven-Leute klagten laut, als sie die Großmutter verschwinden sahen. „Ach, jetzt ist die arme Großmutter tot. Wer wird jetzt fĂŒr die Babies sorgen? Wer wird jetzt die Schlammkuchen und Pfannkuchen backen, wo Großmutter fort ist? Wer wird den Kindern abends Geschichten erzĂ€hlen?“ „Aber wo ist sie hingegangen“; rief Hans Larve junior mit unglĂ€ubigem Gesicht. „Ja, das möchten wir auch wissen“, sagten alle Schlammlarven auf einmal. „Sie ist tot, und was danach kommt, weiß keiner.“
    Da ging Hans Larve junior fort, um seinen alten Freund, Herrn GrĂŒnfrosch, zu fragen.
    Der weise alte Herr GrĂŒnfrosch hörte sich alles an und lĂ€chelte dann. „Ich weiß genau, wie es zuging“; sagte er. „Ich bin ja ein Frosch und kann nicht nur wie ihr Schlammlarven im Wasser leben, sondern auch aus dem Wasser heraussteigen. Das ĂŒber dem Wasser ist ein ganz anderes Reich. Das nennt man Luft. Heute frĂŒh saß ich oberhalb des Wassers am Ufer und sah viele Schlammlarven an den Stengeln des  Wasserfarns aus dem Wasser heraus an die Luft hochklettern. Da sah ich auch  Großmutter Larve heraufkommen.“ „Was geschieht mit ihnen, wenn sie aus dem Wasser gekrochen sind“, fragte Hans aufgeregt.
    â€žNun, sie werfen einfach ihre Haut ab und verwandeln sich in kleine Wesen, die immer grĂ¶ĂŸer werden. Sie bekommen einen langen Körper mit FlĂŒgeln wie aus Glas und fliegen fort“; erklĂ€rte Herr GrĂŒnfrosch geduldig, sie heißen dann Libellen.“
    â€žAber Herr GrĂŒnfrosch, dann lebt die Großmutter ja noch, nur anders?“ „So ist es, HĂ€nschen“; quakte Herr GrĂŒnfrosch freundlich. Und Hans Larve junior fragte: „Ist das spĂ€ter einmal bei mir genauso?“
    â€žJa, bei allen“, erklĂ€rte Herr GrĂŒnfrosch.
    Hans ging zurĂŒck und erzĂ€hlte seinen Eltern und allen Larven-Leuten, was der weise alte Herr GrĂŒnfrosch gesagt hatte: „Jammert nicht, Großmutter ist gar nicht tot. Sie ist nur aus dem Wasser ausgestiegen und hat sich verwandelt.“ Aber die Schlammlarven klagten nur immer weiter, und viele weigerten sich, seinen Worten Glauben zu schenken. Sie waren wie einige Menschen heutzutage. Aber Herr GrĂŒnfrosch wusste es. Er hatte es ja gesehen.

E.K. Shinkaku Hunt